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Rück- und Ausblick

Semestereröffnungsrede von Dr. Rüdiger Nolte

Meine Damen und Herren, in der Filmbranche spricht man von Bergfest, wenn die Mitte der Produktion erreicht  ist. Für mich markiert diese Feier - mehr oder weniger - das Bergfest meiner 2. Amtszeit. Grund genug, um zurück zu blicken, Grund genug aber auch, um nach vorne zu blicken. In jedem Fall Anlass genug, um Ihnen, meine Damen und Herren, das bis zum Ende meiner Amtszeit tätige neue Rektorat vorzustellen und damit über unsere konzeptionellen Überlegungen zu berichten. Und Grund genug, um Ihnen, lieber Herr Holtmeier, für Ihre Arbeit während der letzten drei Jahre zu danken, die Sie als einziger Prorektor tätig waren. Es waren drei Jahre, in denen wir beide eine Zeit lang - ohne Kanzler - sogar nur im Zweierpack gearbeitet und recht unruhige Zeiten durchgestanden haben. Ohne Sie, lieber Herr Holtmeier, stünden wir mit unserer Freiburger Musikhochschule heute anders da. Denn Sie waren es, der es mit präziser Lesart geschafft hat, argumentative und rechnerische Fehler des Landesrechnungshofes aufzudecken und damit einen Blick auf strukturelle Gegebenheiten zu eröffnen, die bald allen klar machten, dass die Freiburger Musikhochschule sehr wohl solide aufgestellt ist. Im neuen Rektorat sind Sie, lieber Herr Holtmeier, weiterhin als stellvertretender Rektor tätig und als Prorektor zuständig für Forschung und internationale Beziehungen. Ihr großer Gedanke für die Freiburger Musikhochschule - und da haben Sie meine volle Unterstützung - ist der, unsere Kunst-Hochschule als Universität - die sie laut Gesetz ja ist - strukturell und inhaltlich konsequent zu positionieren. Denn nur so sind wir in der Lage, in einem zunehmend enger werdenden Kontrollnetz unseren Standort für den internationalen Vergleich zu stabilisieren.   Als Musikhochschule haben wir zwei Hauptaufgaben:

1) Die Verantwortung für die Ausbildung unseres künstlerischen Nachwuchses ist selbstverständlich ein Grundpfeiler unseres Ausbildungsauftrags.
2) Musikhochschulen haben auch die Aufgabe, die Bedeutung von Musik im Zusammenhang gesellschaftlicher Veränderungen zu reflektieren.

Innerhalb dieses Zusammenhangs richten sich die pädagogischen Studiengänge aus und auch der Bereich künstlerischer Forschung. Die Wichtigkeit dieser zweiten Aufgabe ist für manchen noch immer nicht einsichtig. Diese zweite Aufgabe stellt sich jedoch nicht etwa gegen das Künstlerische, sondern stellt die Frage nach der Relevanz von Musik. Diese zweite Aufgabe ist so groß, dass eine kleine Institution wie unsere Musikhochschule sie nicht allein bewältigen kann. Mit dieser Einsicht bildete sich in Freiburg der Gedanke, Kooperationen einzugehen. Mit der Pädagogischen Hochschule z.B., mit der wir einen innovativen Lehrerstudiengang „Musik im Elementaren Primarbereich (MEP) erarbeitet haben. Oder der Plan, mit der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg das „Freiburger Lehr- und Forschungsinstitut Musik“ zu gründen. Die Ministerin hat für die Musikhochschulen im Rahmen des Hochschulfinanzierungsvertrages die Gründung gesteigert geförderter sogenannter Landeszentren in Aussicht gestellt. Wir haben dieses Lehr- und Forschungs-Institut als Landeszentrum beantragt und warten nun auf die Entscheidung. (1) Viele sehen in diesem Zusammenhang die Gefahr einer Verwissenschaftlichung unserer Musikerausbildungen. Damit befürchten sie Veränderungen des bisherigen Musikstudiums. Doch was mit dieser Befürchtung übersehen wird: Musikstudien sind ununterbrochen Veränderungen ausgesetzt. Uns geht es nun darum, diese Veränderungen nicht hilflos geschehen zu lassen, sondern möglichst reflektiert damit umzugehen. Und überhaupt: der Exzellenz eines bestmöglichen Unterrichts widerspricht ein Nachdenken über Musik nicht im Geringsten. Das ist eben viel weniger ein Gegensatz als vielfach befürchtet. Wir können auch nicht einerseits feststellen, dass die Bedeutung musikalischen Erlebens schwindet oder dass die deutsche Orchesterlandschaft abnimmt und gleichzeitig die Praxis unserer musikalischen Ausbildungen so fortsetzen als würde draußen, außerhalb der Hochschule, nichts geschehen. Und es ist eben nicht die ausreichende Reaktion zu sagen: Wir gehen mit dem Orchestersterben um, indem wir die Berufung möglichst prominenter Künstler noch verstärken, um so den härter werdenden Konkurrenzdruck zwischen den Musikhochschulen zu gewinnen. Sicher, nach wie vor wollen wir bei jeder Berufung Musiker mit internationalem Renommee fürs Haus gewinnen. Und berufen auch so. Mit gesteigertem Erfolg – was belegbar ist. Doch reicht heute diese traditionelle Konkurrenztaktik allein nicht mehr aus. Viel mehr muss heute und wird auch heute über die Qualität des Unterrichtens und die Bedeutung der Methodik nachgedacht. Viel mehr wird gewusst, dass der Anspruch auf künstlerische Exzellenz und das Nachdenken über die gesellschaftliche Bedeutung von Musik zusammen gehören. Doch ist es oft auch noch so, dass seitens künstlerisch unterrichtender Professorinnen und Professoren nur in Ausnahme fachlicher Austausch mit den für Instrumental- und Vokalpädagogik Verantwortlichen gesucht wird. Umso mehr freue ich mich, dass die Fachgruppe Blasinstrumente Prof. Doerne, Studiengangsleiter Musikpädagogik für Instrumental- und Vokalpädagogen, zu ihrer nächsten Sitzung eingeladen hat, um eben diesen Austausch zu beginnen.   Um noch einmal über die Veränderungen unserer Musikstudien zu sprechen: Zum Nachdenken an einer Musikhochschule gehört auch, sich der Geschichte der Musiker-Ausbildung bewusst zu werden. Studieren wir nämlich die Geschichte der Musikerausbildung, dann können wir lernen, dass es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Bereich künstlerischer Hochleistungsausbildung im Vergleich zu heute eine weitaus breiter orientierte Qualifizierung gab, was musiktheoretische, kompositorische und vor allem, was spielerische Zusammenhänge betrifft. Der Blick in die Geschichte zeigt also, dass ein Nachdenken über Musik der Praxis künstlerischer Ausbildung gar nicht entgegenstehen muss. Denn wichtig ist folgendes: der Anlass unseres Musikhochschul-Daseins ist nicht allein die Musik, sondern es ist vor allem die Ausbildung, die Ausbildung von Musikerinnen und Musikern, von Musikpädagogen und mehr und mehr die Ausbildung derjenigen, die über die Bedeutung von Musik nachdenken, d.h. auch forschen. Künstlerisch und pädagogisch, künstlerisch und wissenschaftlich – das mögen anderswo Gegensätze sein. Innerhalb unseres Hochschulzusammenhangs aber sind es keine Gegensätze, sondern es sind Ergänzungen zugunsten bestmöglicher Qualifizierung von Musikerinnen und Musikern. Ein Beispiel: Seit Jahren ist ein verändertes Orchesterspiel feststellbar. Noch vor vielleicht 25 Jahren war Historische Aufführungspraxis ein Schimpfwort, wurde solcherart gespielte Musik als „Nischenmusik“ ausgegrenzt. Heute gehört es zur Kultur eines jeden guten Sinfonieorchesters, z.B. das vibratolose Spiel mit differenziertem Klangausdruck als Teil einer stilistischen Überzeugung zu pflegen und damit historisch bedachte Differenzierungen zu praktizieren. Diese neue Spielpraxis erfordert veränderte Ausbildungen. Ein anderes Beispiel: An unserer Hochschule haben bekanntlich Violinprofessorinnen und -professoren in Eigeninitiative das so genannte Co-Teaching eingeführt. Im Falle des vibratolosen Spiels ist das Wissen um stilistische Veränderungen vonnöten, im Falle des Co-Teaching lässt sich eine kritische Hinterfragung der alten Tradition des Meisterunterrichts beobachten. So wichtig die Weitergabe von Erfahrungen ist - und darauf legen wir weiterhin großen Wert -, aber als ausschließliche Art des Unterrichtens kann ein rein imitativ vorgehender Meisterunterricht heute nicht mehr bestehen. So wenig, wie für heutige Studienqualifizierung ein ausschließlicher Bezug auf das Klassische Repertoire nicht mehr ausreichend ist. Diese genannten einzelnen Entwicklungen verweisen als Beispiele darauf, wie wichtig ein systematisches Nachdenken über Musizierpraxis ist. Wir wollen das tun. Wir wollen nach unserem ersten Schritt der Erarbeitung reformpädagogischer Konzepte und nach dem zweiten Schritt der geklärten Notwendigkeit von Forschung nun als drittes die größte Unternehmung angehen, nämlich die Reform künstlerischer Instrumental- und Vokal-Ausbildung.   Beobachtbar ist in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts der Beginn einer Tendenz hin zu einem eher am solistischen Ideal geformten perfektionierten Spiel, das beansprucht, musikalische Brillanz durch technische Brillanz zu erreichen. Und es ist wohl unübersehbar, dass das etwas mit der Medienentwicklung zu tun hat, die damals zeitgleich einsetzte. D.h. seit dieser Zeit steht unsere Musizierpraxis unter dem Anspruch medienbedingter Perfektion, sind die Wertigkeiten studioproduzierter Musik und die des live erlebbaren Musizierens kaum mehr voneinander zu unterscheiden, d.h. es gilt letztlich nur ein einziger Anspruch, nämlich der der technischen Produktion und Reproduktion. Wenn wir jederzeit die Weltspitze ins Wohnzimmer holen können, wenn der Perfektionismus der studioproduzierten Musik der dann nur noch einzige Standard ist, dann sind wir immer weniger bereit und auch fähig, die Werte live gespielter Musik zu erfahren und zu erleben – aktiv wie passiv. Innerhalb dieses Perfektionierungs-Anspruchs hat sich im 20. Jahrhundert die Art der Ausbildung von Musikern geformt, d.h. die Ausrichtung auf das professionelle Maß solistisch perfekter Brillanz. Die es ja geben soll, die jedoch als einziger Norm-Maßstab unsere musikalischen Möglichkeiten wiederum merkwürdig einschränkt. Wir wollen das ändern. Begonnen haben wir mit Gitarre. Beginnen wollen wir mit Klavier. Und in diesem Zusammenhang begrüße ich herzlich den neuen 2. Prorektor Christoph Sischka. Sie, lieber Herr Sischka, sind nun als Prorektor für Lehre in der Hochschulleitung tätig. Als Pianist und bisheriger Sprecher der Fachgruppe Tasteninstrumente repräsentieren Sie zudem einen Bereich der Instrumentalausbildung, der seit längerem und bei weitem nicht nur in Freiburg unter kritischer Betrachtung steht. In dieser Funktion waren Sie bislang ein fachkundiger, künstlerisch erfahrener Gesprächspartner des Rektorats, der sich mit klaren, wenn es sein musste auch mit unbeugsamen Argumenten für die Belange der Klavierausbildung einsetzte. Lieber Herr Sischka, es gehört zu den wichtigen Erfahrungen meiner Rektorenzeit, dass wir mit Ihnen zusammen das Konzept einer neu durchdachten Klavierausbildung ausarbeiten konnten, das Konzept einer Reform, die nicht nur die Beschränkung auf das solistisch ausgerichtete Klavierstudium überwinden will, die nicht nur die Bedeutungsabwertung zwischen „künstlerisch“ und „angewandt“ hinter sich lassen will, sondern ebenso die unnötigen Qualitäts-Unterscheidungen zwischen Jazz, Klassik, Pop etc. Erst durch Ihre fachliche Autorität konnten wir das Tor zur Reform der Klavierausbildung öffnen - eine Reform, die von den Klavierlehrenden unserer Hochschule auf einer Informationssitzung einstimmig befürwortet wurde. Und auch als wir für unseren Antrag auf ein zweites Landeszentrum (1) die künstlerische und angewandte Praxis von Klavier und Gitarre zusammendachten, haben Sie, lieber Herr Sischka, nach genauem Nachdenken, dieses Konzept mitgetragen.   Die geplante Reform der Instrumental- und Vokalausbildung zeigt, dass es eben nicht um bloße Verwissenschaftlichung geht, sondern um das umfassende Nachdenken sämtlicher Aspekte ambitionierter Musiker-Ausbildung. Und das ist zur Zeit auch nötig, nicht zuletzt auch in der Musikstadt Freiburg. Mit diesem Herbst beginnt die letzte Saison des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Außerdem fand das angedachte und vielfach vorgestellte und besprochene Konzept für ein Freiburger Musikzentrum in der Stadthalle städtischerseits leider kein solches Interesse, dass es mit Hoffnung hätte unterstützt und weiter verfolgt werden können. Umso mehr begrüßen wir das Kooperationsinteresse der Universität. In einer Stadt mit - bislang - hohem Musikniveau sind das zwei Zeichen dafür, dass nicht nur andernorts, sondern auch hier die fundamentale Bedeutung von Musik für unser menschliches Sein nicht mehr als selbstverständlich erkannt wird.   Der musische Mensch. Ausdruck unserer heutigen Situation ist nicht nur, dass dieser Typus des musischen Menschen rar und unbedeutend geworden zu sein scheint, sondern auch, dass dieses Wort selbst - musisch - eher problematisch konnotiert ist – und wir deshalb keine rechte Bezeichnung mehr für das haben, was wir meinen und brauchen. Damit sind wir nicht weit entfernt vom Kern unseres gesellschaftlichen Problems mit Musik und Musizieren. Und wir alle hier an der Musikhochschule können uns glücklich schätzen, dass wir mit Andreas Doerne einen konsequent agierenden Fachmann im Hause haben. Hochschulleitung erfordert Kompromissbereitschaft. Dass Du, lieber Andreas, Dich bereit erklärt hast, als dritter Prorektor in der Hochschulleitung mitzuarbeiten, das zeigt, wie sehr Du bereit bist, Deine bisherige Reformarbeit institutionell zu reflektieren. Aber es geht eben um die praktische Umsetzung, soll es doch um Veränderungen gehen. Für die Hochschule bist Du als Prorektor für die Entwicklung von Reformvorhaben aber auch für Neue Medien verantwortlich. Ich freue mich auf deine Impulse und danke Dir für Deine Bereitschaft zur Mitarbeit, von der wir uns eine neue und eigene Qualität für die Hochschulleitung versprechen. Fehlt noch einer in der Mannschaft. Und das sind Sie, lieber Herr Probst. Schnell, sehr schnell haben Sie sich in die Belange der Verwaltungsleitung sowie der Finanz- und Personalverantwortung eingearbeitet und bieten eine kollegial freundliche Teamarbeit an, die eine für uns ganz neue Erfahrung darstellt.   Das Rektorat würde aber hilflos in der Luft hängen, wäre es nicht unterstützt von Kolleginnen und Kollegen. Ich darf, was die Erarbeitung der Landeszentren-Anträge betrifft, über die genannten Rektoratsmitglieder hinaus sehr herzlich für ihre kompetente und aktive Hilfe danken: Hans Aerts, Stefan Göritz, Janina Klassen, Helmut Lörscher, Camille Savage-Kroll, Ralf Schmid, Claudia Spahn, Michael Stecher. Und ganz besonders möchte ich Nathalie Meidhof danken, die mit kluger Koordinationskompetenz das fristgerechte Zustandekommen unserer Anträge maßgeblich ermöglichte. Und Ihnen, lieber Herr Volz, danke ich für Ihr genaues, kritisches und immer fürsorgliches Gegenlesen.   Dieser Dank sei mir zum Schluss ein guter Anlass, um darüber hinaus allen in der akademischen Selbstverwaltung Aktiven endlich einmal zu danken: den Mitgliedern des Hochschulrats, den Senatorinnen und Senatoren, den Sprecherinnen und Sprechern der Fachgruppen, den Mitgliedern der Studienkommissionen, Leitern der Institute, den Verantwortlichen der Gleichstellung, den Mitgliedern von Berufungskommissionen, allen Beauftragten und Ombudspersonen. Sie alle leisten über Ihre eigentliche Lehrtätigkeit hinaus zusätzliche Arbeit. Haben Sie alle herzlichen Dank für Ihre Mitverantwortung. Und dass sich zu alledem in völliger Eigeninitiative ein gemeinnütziger, sehr kreativ arbeitender Studentischer Verein gegründet hat, nämlich "Zeug und Quer“, das ist für uns wie ein Glück. Ich bitte Sie alle, sich auf der website von „Zeug und Quer“ oder auch im neuen Jahrbuch über deren Arbeit zu erkundigen. Dort können Sie erfahren, wie sehr junge Menschen in Eigeninitiative die Unverzichtbarkeit von Musik leben und gesellschaftlich vermittelnd einbringen. Ganz nah sind sie damit bei einer Überzeugung über die Unverzichtbarkeit von Musik, die vor bald 70 Jahren hier in Freiburg dazu geführt hatte, inmitten einer vom Krieg zerstörten Stadt eine Musikhochschule zu gründen. Was für eine Prioritätensetzung war damals - auch politisch - möglich. Am 9.Mai 2016 werden wir das 70jährige Jubiläum der Freiburger Musikhochschule feiern und uns an diesen Geist erinnern. Dazu lade ich Sie alle schon jetzt sehr herzlich ein. Vielen Dank fürs Zuhören

(1)   Am 14.10.2015 kam die Nachricht, dass jeder der fünf Baden-Württembergischen Musikhochschulen nur ein Landeszentrum zugesprochen bekommt – für Freiburg das „Freiburger Lehr- und Forschungsinstitut Musik“.

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