HelsinkiHelsinki

Sibelius-Academy, Helsinki

Studiengang/Fach: Bachelor Oboe

Zeitraum: 2008/2009

Sibelius, Sauna und Rentiere – neun Monate in Finnland

"Als ich mich entschied, meinen Eramsus-Austausch an der Sibelius-Academy in Helsinki zu machen, wusste ich zugegeben nicht sehr viel über dieses Land – nur, dass es dort viel Kälte, viel Dunkelheit und viele schweigsame Finnen geben sollte. Deshalb war ich recht überrascht, als wir Austauschstudenten in der ersten Septemberwoche von überaus freundlichen und offenen Finnen in Empfang genommen wurden, die nicht müde wurden, uns mehrmals durch alle organisatorischen Aufgaben zu führen und uns immer wieder ihre Hilfe anzubieten.

Tatsächlich waren die ersten Wochen ein reines Chaos mit nicht aufhören wollenden „Beamtengängen“, Wohnungssuchen und Stundenplanbesprechungen, doch all dem lag eine ausgezeichnete Organisation der Sibelius-Academy zu Grunde, wodurch es am Ende doch zu meistern war.

Belohnt wurden wir dafür mit der „Fuksi-Party“ am Ende der ersten Woche, einer Willkommensparty für Erstsemestler und neue Austauschstudenten. Sinn dieser Veranstaltung war, sich (auf skurrile Weise) untereinander kennenzulernen – dazu wurden alle Anwesenden in 5-6 Gruppen bzw. Farben eingeteilt, die dann in einer Art Stadt-Rally verschiedene Aufgaben lösen mussten (z.B. menschliche Schubkarre, wobei die „Schubkarre“ die Augen verbunden hatte und der Fahrer ein Ei im Mund tragen musste; Finnischen Volkstanz tanzen; ein Biersorten-Quiz; oder eine Schwanensee-performance gespielt auf Wasserflaschen, mit Choreographie). Nebenbei sollte jede Gruppe einen Namen, eine Hymne und eine Flagge entwerfen, und damit gegen die anderen antreten.

Somit lernten wir nicht nur neue Leute kennen, sondern bekamen als Austauschstudenten auch einen ersten Eindruck von Finnen und ihren (zum Teil verrückten) Bräuchen. Doch ich habe festgestellt, dass, trotz der hohen Ökonomie in ihrem Wortgebrauch,  die Finnen äußerst hilfsbereit und freundlich gegenüber Fremden sind – auch wenn es manchmal schwer ist, sich ihnen anzunähern.

Aber vielleicht muss man auch so sein, wenn man in einem Land lebt, in dem die Wetterverhältnisse so extrem sein können. Es gab im November und Dezember einige Phasen, in denen man die Sonne ein bis zwei Wochen am Stück überhaupt nicht zu spüren bekam – von morgens bis abends sah es draußen immer gleich aus: bewölkt, dunkel und trüb. Das war irgendwann nicht mehr so leicht auszuhalten, und ich habe gemerkt, wie man auf einmal jeden kurzen Sonnenstrahl zu schätzen weiß! Umso besonderer wurden dann die Tage, als es Anfang Februar Woche für Woche heller wurde, und bei meiner Abreise im Juni wurde es eigentlich gar nicht mehr richtig finster.

Der Höhepunkt meines Aufenthaltes (und bestimmt auch der von vielen anderen Erasmus-Studenten) war ein 5-tägiger Trip nach Kuusamo, einem Ort an der Grenze nach Lappland. Von der Student Union der Sibelius-Academy und der TAIK (der Kunsthochschule Helsinkis) geplant, fuhren wir Ende März mit 50 Studenten, die meisten davon Austauschstudenten, mit einem Reisebus rund 800km in den Norden. Vom Rentierschlittenfahren, Rentierfüttern und  Rentierwürstchengrillen bis zum Wandern, Skifahren und Schwimmen war alles dabei. Wenn wir nicht bei Minus 15 Grad durch den Schnee stapften, waren wir mit 5-6 Personen in kleinen Hütten untergebracht und haben geschlafen oder gegessen – oder sind zwischen unserer Sauna und dem „Avanto“ (einem Eisloch, das wir mühsam in den nahe gelegenen See gesägt haben) wild kreischend hin- und hergerannt. Es waren wirklich unvergessliche Tage!

Ein weiteres prägendes Ereignis war Vappu, das Fest am ersten Mai. Hat man sich sonst gewundert, dass die Stadt oft leer und still erscheint und die Finnen spurlos verschwunden zu sein scheinen, wundert man sich am ersten Mai umso mehr, woher auf einmal solche Massen auftauchen können. Die Stadt ist überfüllt mit lachenden, fröhlichen Finnen aller Altersstufen, mit erschreckend riesigen Luftballons und fast ausschließlich angetrunkenen, kostümierten Studenten. Das Feiern beginnt schon am Vortag, bis zum frühen Morgen des ersten Mais, an dem sich scheinbar ganz Finnland zu einem großen Picknick im Kaivopuisto, einem Park in der Nähe des Hafens, versammelt. Danach wird (nach eigenem Ermessen) weitergefeiert.

Doch natürlich sind wir nicht ständig nach Lappland gefahren oder haben gefeiert! Die Sibelius-Academy bietet einige Kurse auf Englisch, zum Beispiel Finnish Folk Music, Finnish Folk Dance, musiktheoretische und –wissenschaftliche Kurse, Performance and Study Coaching und natürlich finnische Sprachkurse. Wirklich nützlich sind diese Sprachkurse allerdings nur bei einem längerem Aufenthalt, denn bis man Finnisch tatsächlich anwenden kann, braucht man wohl mehrere Jahre der Praxis. Doch der Kurs gibt auch einen Einblick in die Kultur, und selbst wenn man überall mit Englisch weiterkommt, freuen sich die Leute immer, wenn man sich wenigstens an einem einfachen „Hyvää päivä“ versucht!

Abgesehen von diesen Kursen gibt es ein reichhaltiges Kammermusikangebot und sogar eine „Muggenagentur“ für die Studenten. Und der Hauptfachunterricht war (in meinem Fall) auch ausgezeichnet und sehr bereichernd.

Alles in allem war es eine sehr schöne, aufregende Zeit für mich in Helsinki, und der Abschied fiel mir nicht leicht. Doch durch den Kontakt vor allem mit Erasmusstudenten habe ich jetzt viele Bekannte über den ganzen Globus verteilt. Ich denke, so ein „Erasmus-feeling“ bekommt man nur einmal im Leben und ich bin sehr froh, es gehabt zu haben."

Seite empfehlen
Seite drucken
© 2015 Hochschule für Musik Freiburg