StockholmStockholm

Kungliga Musikhögskolan i Stockholm KMH

Studiengang/Fach: Bachelor Musik Kontrabass

Zeitraum: 2009/10

"Einleitend ist über meinen Erasmus- Austausch an die Kungliga Musikhögskolan Stockholm gleich mal als Fazit zu sagen, dass ich bereits wieder dorthin zurückgekehrt bin, und nur ungern für mein Diplom nochmal 4 Monate nach Deutschland gekommen bin.

Schweden und Stockholm ist an sich schon zu empfehlen -soweit man winterfest ist, aber auch über die Hilfestellung, Ausbildung und Gastfreundlichkeit der Hochschule kann ich nur Positives berichten.
Zum einen wurde mir bereits noch in Deutschland ein Zimmer in einem Wohnheim zugesichert, so dass ich mich um Unterkunft rein gar nicht kümmern musste. Ich wurde vom International Kontoret der Hochschule vom Bahnhof mit Kleinbus abgeholt und direkt in mein Zimmer gebracht. In schwedischen Studentenzimmern ist auch Internet in der Miete bereits enthalten.

In der Hochschule begann das Semester mit einer ganzen Informationswoche für International Students, nicht nur für die Austauschstudenten, sondern für alle neuen internationalen Studenten. Unter den Aktivitäten gab es neben hilfreichen Infoveranstaltungen über alles was den Studenten in der Hochschule zur Verfügung steht auch eine Busrundfahrt durch Stockholm, ein vom Rektor gestelltes Mittagessen und eine Kennenlernparty, die sich aber in den Folgemönaten als Party ohne Kennenlernen wiederholte- allerdings immer mit gutem Essen vom International Kontoret organisiert und mit Möglichkeit für Fragen aller Art, die im Laufe der Zeit entstanden sind.
Auch die Stadt Stockholm hat ein großes Begrüßungsfest, einen Empfang im Stadshuset, wo jedes Jahr das Nobelfest gefeiert wird für alle neuen internationalen Studenten aller Universitäten der Stadt ausgegeben, mit einem unglaublichen Buffet und vielen hunderten Studenten aus aller Welt. Die Fraktion Musikhochschule umfasste auch ein überschaubares Grüppchen von ca 20 Personen.

Für Musikstudenten sind in ganz Stockholm alle Konzerthäuser zum Besuch der Vorstellungen frei, da dies als Teil der Ausbildung gesehen wird. Das ist mit das Sinnvollste was ich als Unterschied zu Deutschland festgestellt habe. Mit meinen 22 Freikarten in 8 Monaten kann man getrost vom Erfolg dieses Konzeptes sprechen. Es wird gern und viel genutzt, und man erhält sehr viel mehr Einblick in große Livekonzerte mit großen Dirigenten und Werken, als man sich das sonst als Student je leisten könnte.
Apropos- zu dem in meinem Fall erhaltenen Erasmus"stipendium" sei nur gesagt, dass es nicht möglich ist, von gut 100 Euro pro Monat in Schweden zu leben. Nicht jeder Student erhält Bafög und es ist nicht so einfach, sich dieses Auslandsstudium so zu finanzieren. In Schweden erhält JEDER schwedische Student (was er in JEDEM Alter sein darf, auch an Musikhochschulen, alles andere wäre Diskriminierung) für max. 6 Jahre vom Staat seinen Unterhalt, von dem er einen großen Teil zurückzahlt. Was bei 9 Mio. Schweden zwar ein Unterschied zu Deutschland ist, aber dennoch als Grundlage wieder die Gleichberechtigung hat. Auch Studiengebühren gibt es nicht, womit ich in meinem Fall wenigstens daran sparen konnte.

Was in meinem Studiengang selbst- Kontrabass sehr positiv ankam, waren die gemeinsamen Unterrichte, die regelmäßig etwa alle 2 Wochen stattfinden, eine Möglichkeit zum internen Vorspiel bieten und eine Art Klassenstunde darstellen. Diese Art von Vorspieltraining ist ein sehr hilfreiches Feld zwischen Unterricht und Konzertsaal. Auch die Unterrichte im Hauptfach die einem zustehen sind sehr genau eingehalten worden. Jeder Student bekommt seine im Studienplan klar enthaltene Anzahl Unterrichte. Klassenüberfüllung gibt es nicht, es gibt mehrere Lehrer aus den Orchestern der Stadt, die in den Unterricht die inspirierende Motivation direkt aus Konzertsaal und Orchestergraben mitbringen.
Konzerte des Hochschulorchesters fanden teilweise in der Berwaldhalle statt, dem Sitz des Radiosinfonieorchesters, und neben Dirigenten wie Thomas Dausgaard vom Dänischen Rundfunk ist auch Daniel Harding nun mit einer Gastprofessur an der Hochschule in Stockholm regelmässiger Gast, um die Dirigierstudenten mit Masterstudenten im Orchester unterrichtet.
Dass auch die Arbeitsweise in Schweden sehr angenehm und absolut stressfrei verläuft fällt am meisten durch die ausgiebigen und häufigen Pausen auf, ob Hochschulorchester oder "Mugge", ohne Kaffe und Zimtschnecken geht gar nichts und ein auf die Minute genauer Wiederbeginn der Probe ist nicht zu ernst zu nehmen. Die Schweden haben eine relative innere Uhr, wie lange eine Pause in etwa zu dauern hat.
Ich liebe ausserdem die Mentalität der Schweden, nicht nur das allgemeine schwedische "Du"- die gesammte Umgangsweise zwischen Personal und Studenten ist von freundlicher hilfsbereiter, respektvollen Art geprägt- es ist ein absolutes Umgehen miteinander auf gleicher Augenhöhe- ob Rektor, Sekretäre, Studenten oder Professoren.
Den Schweden im Allgemeinen sind laute, agressive oder zynische Töne ohnehin sehr suspekt, mir ist nicht ein Mensch irgendwo begegnet, der vor sich hingeschimpft oder irgendjemanden auch nur ansatzweise verärgert angesprochen hätte. Auch dieses Ungeduldige , Eilige in Kaufhäusern oder anderen öffentlichen Gebäuden ist hier schlicht nicht vorhanden. Man zieht so gut wie überall einen Nummernzettel und wartet und verhält sich still und freundlich.
Aber daran gewöhnt man sich schnell und gerne. Der erste Mensch der mir nach 4 Monaten negativ auffiel, war an Weihnachten am Frankfurter Flughafen, der vor sich hinschimpfte weil der Zug nicht kam. Da hab ich gemerkt -hups ich bin in Deutschland.

Natürlich gab es auch Schwedischkurse für uns alle, in verschiedenen Levels je nach Vorkenntnissen, aber es gab auch diejenigen, die es beim englisch beließen, denn in Schweden kann jeder englisch, und zwar perfekt. In keinem Bericht im Fernsehen, in keinem Film im Kino wird irgendeine Fremndsprache gedoubelt wie in Deutschland, jede Sprache wird aus Respektgründen so gesendet wie gesprochen, und jeder Schwede muss sich mit Untertiteln zufrieden geben. Ich habe vorher noch nie im Leben so gut chinesisch oder indisch anhören können wie hier in den schwedischen Medien. Deshalb ist das Akzentproblem, das wir Deutschen meist im Englischen haben hier kein Thema. Jedes Kind wächst damit auf, englische Filme in Originalsprache zu hören und das macht sich bemerkbar.

Auch dem Wetter und der Dunkelheit gegenüber wird Schweden oft durch Vorurteile der Deutschen mißinterpretiert. Nicht GANZ Schweden ist den GANZEN Winter dunkel. Schweden ist ein so langgezogenes Land, so dass die Unterschiede gravierend sind. Stockholm gehört zu Mittelschweden, so wurde  es im Dezember um 15h dunkel, was zu Süddeutschland vielleicht lediglich 1,5 Std Unterschied bedeutet. Kalt ist es, ja, aber auch nur im Winter. Dieser WInter war auch in Stockholm extrem, und es lag wirklich Schnee und Eis von Dezember bis April. Aber das juckt hier auch niemanden, man fährt dann einfach mit den Langlaufski in der Stadt herum. Ausserdem fuhren hier noch Busse, als bei ähnlichem Wetter in Deutschland bereits der komplette Stadtverkehr lahmgelegt worden wäre. Die Nachrichten berichten nüchtern von den Schneehöhen und den minus 20 bis minus 40 Grad im Land, und in Deutschland wird beim ersten Schneesturm halber Katastrophenalarm ausgerufen. In Schweden ist das Leben irgendwie gelassener.
Kommt dann der Sommer, ist kein Halten mehr und jeder Sonnenstrahl und jeder warme Tag wird ausgenutzt, keiner sieht eine Rechtfertigung, über irgendwas zu jammern, denn es ist Sommer, ganz Schweden hat Ferien und Urlaub von Anfang Juni bis Ende August, es hat auch hier bis zu 30 Grad, man springt in der Hauptstadt an jeder Ecke ins Wasser, und in Sandalen läuft der Schwede dann herum, bis ihm bei 10 Grad Rest-Oktobersonne die Füße blau anlaufen. Die Sommerklamotten wollen auch aufgetragen werden.

Was mich letztlich wieder zurück nach Stockholm geholt hat war das Glück, einen Master/Orchesterplatz bei den Aufnahmeprüfungen erhalten zu haben, die hier in Schweden mit Praktika in der Königlichen Oper, dem Radiosinfonieorchester und den Königlichen Philharmonikern verbunden sind. Da ich ohnehin schon lange das Ziel hatte, in Schweden als Musikerin zu leben, wenn es mir möglich ist, bietet das nun für mich eine wundervolle Ausgangslage. Mit meinem Lehrer, den ich vorher nicht persönlich kannte bin ich nach wie vor sehr glücklich und ich habe sogar mein Zimmer wieder zurückbekommen- zwar nicht mehr als Austauschstudent, aber weil es frei blieb eben als internationaler Student über das Büro der Hochschule.

Für künftige Austauschstudenten kann ich Stockholm nur empfehlen, und ich bin bei weitem nicht die Einzige, die im Anschluss an den Austausch geblieben oder zurückgekommen ist."

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