Der Inhalt von Form
Ästhetikseminar von Prof. Dr. K. Rainer Nonnenmann (Hochschule für Musik und Tanz Köln) vom 26. bis 29. November im Institut für Neue Musik
Vor allem die Klassik etablierte musikalische Formen als eigene Ausdrucksdimension. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden diese Modelle dann sowohl zu Normen akademisiert als auch romantisch erweitert, aufgebrochen oder zu Mischformen wie Sonatenrondo, Konzertouvertüre oder Liedsinfonie hybridisiert. Mit der Abkehr von der Tonalität zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwiesen sich die auf tonalen Spannungen basierenden Formmodelle als überholt. Schönberg, Berg und Webern komponierten freie atonale Kurzminiaturen oder textgebundene Vokalwerke sowie – unter Verwendung der Zwölftonmusik – wieder Konzerte, Sonaten, Suiten und Menuette. Parallelen zu diesen Entwicklungen finden sich in Architektur und Malerei. In den 1950er Jahren diskutierten dann Cage, Boulez, Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann mit aleatorischen versus seriellen Überlegungen zur Vereinheitlichung der musikalischen Zeit über das Verhältnis von Material, Form, Gestalt und Bedeutung. Man kreierte die punktuelle Form, die mobile, variable und offene Form, sowie Gruppen- und Momentform. Seit den 1960er Jahren erprobten Komponisten wie György Ligeti, Conlon Nancarrow, James Tenney, Tom Johnson, Anestis Logothetis, Helmut Lachenmann, Steve Reich, Gérard Grisey und Mathias Spahlinger weitere materielle und formale Alternativen. Zudem zielten Fluxus, Konzeptkunst, Prozess- und Formelkomposition auf eine Weiterentwicklung von Material und Form, die von ihren eigenen intrinsischen Merkmalen bestimmt wurde. Hinzu kamen Formbildungen durch Zellen, rekursive Prozesse, technische Reproduktionen von Ton und Video, Fraktale, Vektoren, Emergenzen, Proliferationen, Algorithmen..., beispielsweise in den Werken von Peter Ablinger, Enno Poppe, Brigitta Muntendorf oder Simon Steen-Andersen. Symbolische Formen schufen Galina Ustvolskaya, Sofia Gubaidulina, George Crumb, Lisa Streich und andere mehr. Im Rahmen des viertägigen Kompaktseminars geben ausgewählte Texte und Werke Einblicke in zentrale Stationen der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.
