Ein Campus mit bewegter Geschichte

Schöneckstrasse 6
Die Schöneckstrasse 6

Facettenreiches Kulturdenkmal: Die Villa Feist

(Schöneckstraße 6)

Die Villa Feist ließ der Jurist Richard Feist 1909 errichten. Das renommierte Freiburger Architektur- und Bauunternehmen »Hopp & Hofmann« fertigte die Baupläne sowie ein noch heute existierendes Modell. Die repräsentative Architektur und Ausstattung sowie die schicksalhaften Biografien ihrer Bewohner im Dritten Reich und ihre wechselvolle Nutzungsgeschichte machen das Villenanwesen zu einem äußerst facettenreichen Kulturdenkmal und Dokument der Bau-, Stadt-, Kultur- und Zeitgeschichte. 

Die Villa ruht auf einem ausgreifenden Sockelgeschoss mit Rundbogenöffnungen. Hier erstreckte sich einst ein Wandelgang, von dem man in den Garten gelangte. Das Erdgeschoss empfängt mit einer großzügigen Eingangshalle. Von dieser sind die ehemaligen Wohnräume wie Bibliothek, Speisezimmer und Herrenarbeitszimmer zugänglich. Nördlich schließen sich das Treppenhaus 
mit Dienstboteneingang sowie der Küchentrakt an. Das Obergeschoss nahm Wohn- und Schlafräume auf. Die hochwertige bauzeitliche Ausstattung mit ihren Parkett-und Fliesenböden, Wandtäfer und -schränken, Türen und Fenstern, Öfen sowie Heizkörperverkleidungen und Stuck arbeiten vermittelt ein authentisches Bild vom gehobenen bürgerlichen Wohnen vor dem ersten Weltkrieg. Das Wandtäfer mit seinen Einlegearbeiten (Marketerien) zeigt vier Frauen in elsässischen Trachten. Sie stammen von Charles Spindler, einem elsässischen Künstler, der sich mit der Wiederbelebung 
der Marketerie im Möbelbau einen Namen gemacht hatte und dessen Unternehmen noch heute im elsässischen Bœrsch (Saint-Léonard) fortgeführt wird. 

Tragisch und schicksalhaft war während des Nationalsozialismus das Leben des Bauherrn sowie das der zur Miete wohnenden Familie Husserl. Der als »Volljude« eingestufte Richard Feist und seine Frau Tilla wurden 1940 nach Gurs deportiert. Sie hatten 1937 den Philosophen Edmund Husserl und seine Frau als Mieter aufgenommen, nachdem diese aufgrund antijüdischer Demütigungen aus ihrer Wohnung vertrieben worden waren. Unmittelbar nach der Deportation der Familie Feist »erwarb« skrupellos Wilhelm Zimber, Nationalsozialist und Mitinhaber eines Sägewerks, das Anwesen. 1946 kehrte Mathilde Feist nach Freiburg zurück. Sie wohnte bis zu ihrem Tod 1958 im ersten Obergeschoss ihres Hauses. Seit 1946 war gleichzeitig in der Villa das Wiederaufbaubüro der Stadt 
Freiburg unter der Leitung von Joseph Schlippe untergebracht. Danach folgte bis 2024 das Leibniz-Institut für Sonnenphysik. Sein Gründer und späterer Namensgeber Karl-Otto Kiepenheuer bewohnte das Dachgeschoss. 2026 erhält die Villa mit der Hochschule für Musik Freiburg neue Mieter. 

Text von Antje Rotzinger, Landesamt für Denkmalpflege

Richard und Tilla Feist

Ausgegrenzt, deportiert, ausgeplündert und fast vergessen

1910 
Richard Feist zieht mit seiner aus Straßburg stammenden Frau Tilla geborene Hollaender in die Villa in der Schöneckstraße 6 ein. Das Haus ist großzügig ausgestattet – unter anderem mit 
Einlegearbeiten des Elsässer Künstlers Charles Spindler im Erdgeschoss.
1914–1918 
Richard Feist ist Kriegsteilnehmer; er wird hoch dekoriert.
1920 
Inflation. Feists teilen ihre Villa in vier Wohnungen auf. Sie selbst wohnen im ersten Obergeschoss.
1926 
Richard Feist wird als Rechtsanwalt zugelassen. 
1933 
Am 7. April 1933 gibt er die Zulassung zurück, um einer Entlassung als »Nichtarier« zu entgehen (Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933).1935 
Nürnberger Gesetze; die Eheleute Feist gelten als »Volljuden«.
1937 
Edmund und Malvine Husserl, aus ihrer Wohnung in der Lorettostraße 40 vertrieben, ziehen in das Erdgeschoss. 
1938 
Richard Feist gibt sein Vermögen an (Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden). Nach der Pogromnacht muss er, wie alle jüdischen Deutschen, 20 Prozent seines Vermögens zahlen (Judenvermögensabgabe) sowie alle Wertsachen abgeben. 
1939 
Zwangsnamen.
22. Oktober 1940 
Deportation nach Gurs (laut Liste Nr. 507 und 508); unmittelbar vorher Beschlagnahme des gesamten Vermögens. Besonders Richard leidet unter den entsetzlichen Bedingungen im Lager.
1940/1941 
Mehrere »arische« Deutsche versuchen, an Villa und Grundstücke der Feists sowie das Wohnrecht in der Feist’schen Wohnung zu kommen.
1941 
Feists werden aus dem Lager Gurs nach Chambéry beurlaubt. Sie ziehen in ein Zimmer im Hotel Terminus und stehen unter Kontrolle der Polizei. Es wird vermerkt, dass es sehr schlecht um Richard Feists Gesundheit steht.  Ausbürgerung (elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz).
1945 
Richard Feist stirbt am 8. Februar 1945 an den Folgen von Haft und Verfolgung. 
1946 
Tilla Feist kehrt im Juni völlig mittellos und krank nach Freiburg zurück.
1949 
Die Villa wird restituiert (Verordnung 120 der französischen Militärregierung). Ein großer Teil der Einrichtung bleibt unauffindbar, darunter die Bibliothek von 20.000 Bänden, desgleichen sämtliche abgegebene Wertsachen. 
1952 
Tilla Feist wird die Witwenrente verweigert: »[…] kann ein unmittelbarer Kausalzusammenhang zwischen der Verfolgung durch das Dritte Reich und dem späteren Tod des Ehemannes der Antragstellerin nicht angenommen werden.«
1958 
Tilla Feist stirbt am 27. Juli 1958.

Text von Sabine Herrle

Husserl Villa

Letzte Station im Leben von Edmund Husserl (8. April 1859 bis 27. April 1938)

Die Schöneckstraße 6 ist in der Welt der phänomenologischen Philosophie eine bedeutsame Adresse, starb hier doch am 27. April 1938 Edmund Husserl. Jahrzehnte zuvor hatte die Universität Freiburg mit Husserls Berufung 1916 glanzvolle Jahre der Philosophie eingeläutet. Mit 1933 änderte sich Lage und Stellung Husserls grundlegend. Als getaufte Juden wurden die Husserls wegen ihrer nichtarischen Abstammung ausgegrenzt und diskriminiert. So verlor Husserl 1935 die Lehrbefugnis, und ab 1936 wurde sein Name in allen Verzeichnissen der Universität getilgt. Die Universität bot 
ihm in diesen düsteren Zeiten keinen Schutzschild. 

Im privaten Umfeld der Lorettostraße 40, wo Edmund und Malvine Husserl 20 Jahre lang gelebt hatten, spitzte sich die Lage seit 1935 unerträglich zu. Infolge der rassistischen Anfeindungen durch Wohnungsnachbarn suchten Husserls eine neue Bleibe und fanden sie in der Schöneckstraße 6. Allerdings glückte der Weg aus der Not nicht im ersten Anlauf. In Malvines Brief vom 7. Februar 1937 an Tochter Elli heißt es: »Mit der Wohnung ist es nichts. Feißt hat sich nicht correct benommen.« 1 Im März wendete sich das Blatt und Malvine schreibt am 26. März 1937, »daß wir nun doch die Feißt’sche Wohnung z. 1.April gemietet haben. Spiel des Zufalls. Der uns zuvorgekommene Mieter hatte ohne einzuziehen sofort gekündigt, weil seine Frau ein Veto einlegte. Bei meiner romantischen Weltanschauung war dies ein Willensausdruck des Schicksals u. schließlich muß man doch sagen, daß Papa dort oben Ruhe u. gute Luft, ein herrliches Studierzimmer u. an den großen Veranden mühelosen Aufenthalt im Freien hat.« 2 Freude über das neue Heim durchzieht als Grundton die Briefe dieser Zeit.

Dem früheren Assistenten Landgrebe schreibt Husserl (30. Mai 1937): »Wir sind schon mitten in vollen Umzugsvorbereitungen, meine Frau ist unermüdlich und kann es wirklich noch machen, obschon sie kaum 2 Jahre jünger ist als ich. Vielleicht wird die herrliche, obschon kleinere Wohnung in Herdern in der unvergleichlichen Lage für uns eine verjüngende Wirkung üben und ich kann noch ein kleines Weilchen ernstzunehmender Philosoph sein.« 3 Malvines Brief an Elli (19. Juli 1937) öffnet den Blick auf die Einrichtung: »Die Wohnung ist bis auf kleine Nachschübe ganz im Stand u. alle Besucher äußerten sich enthusiastisch. Selbst der kritische Papa war sehr zufrieden. Es ist mir gelungen […], die als Empfangsräume gedachten Zimmer (z. T. Säle) zu einem wohnlich und vornehm wirkenden Familien-Interieur umzugestalten. Beinahe alles mit unserem Altbesitz, neu angeschafft wurden nur die Gardinen für das Studierzimmer, das geradezu wundervoll geworden ist, […] nicht vergessen darf ich die herrliche, über 30 m lange Veranda zu erwähnen, die wir sehr viel benutzen u. genießen.« 4

»Ich habe als Philosoph gelebt und will als Philosoph zu sterben versuchen.«

Mit der Freude an der Wohnung nach Jahren der Drangsal verbindet Husserl die Hoffnung, wie er Roman Ingarden schreibt (23. Juli 1937), auf »die Wiederher stellung meiner Gesundheit, die mir durch ständige Störungen seit Anfang d. J. ein continuierliches Arbeiten unmöglich gemacht haben.« 5 Die Hoffnung auf Wiederaufnahme seiner Arbeit am Grundplan der phänomenologischen Philosophie erfüllte sich nicht. Am Tag ihrer Goldenen Hochzeit (10. August 1937) glitt Husserl im Badezimmer beim Ankleiden aus und verletzte sich innerlich, was bei ihm zu einer exsudativen Pleuritis führte. Kurzen Phasen der Linderung folgten immer häufiger Krisen. Dass in dieser Zeit die Wohnung und ihr Ambiente eine wohltuende Wirkung auf sein Befinden hatte, bekundet Malvines Brief vom 21. November 1937 an Sohn Gerhart: »Die schöne, ruhige, luftige Wohnung mit den herrlichen Ausblicken trägt viel zu seiner Zufriedenheit bei, jetzt sitzt er z. B. im Studierzimmer vor dem riesigen Spiegelglasfenster, vor sich die edlen Münstertürme, die jagenden Wolken und die vielgestaltige Nebelverschleierung der Stadt u. des Schlossbergwaldes.« 6 
Eine der letzten Äußerungen formuliert sein Credo: »Ich habe als Philosoph gelebt und will als Philosoph zu sterben versuchen.« 7 In den frühen Morgenstunden des 27. April 1938 stirbt Edmund Husserl.

Malvine blieb bis Juni 1939 in der Schöneckstraße. Zuflucht fand sie danach in Leuven unter dem Schutz des Franziskanerpaters Leo van Breda. Er hatte Husserls Nachlaß gerettet und gründete 
an der Universität Leuven das Husserl-Archiv. Das Erscheinen des ersten Bandes der Werkausgabe Husserls durfte seine Witwe noch erleben. Sie starb am 21. November 1950 in Freiburg.

Text von Hans-Helmuth Gander (Husserl-Archiv der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

Edmund Husserl: Briefwechsel. Dordrecht/Boston/London 1994  |  1Band IX, Seiten 483/484  |  2Band IX, Seite 488  |  3Band IV, 
Seite 375  |  4Band IX, Seiten 489/490  |  5Band III, Seite 312  |  6Band IX, Seite 270.
7K. Schuhmann: Husserl-Chronik. Den Haag 1977, Seite 488

Dokumente der »Arisierung«

Nach der Deportation der Feists 1940

Nicht nur das Deutsche Reich, sondern auch zahllose »arische« Deutsche beteiligen sich aktiv an der Ausplünderung ihrer deportierten Landsleute.

Unmittelbar im Anschluss an die Deportation von Richard und Tilla Feist versuchen die Unternehmer Wilhelm Zimber aus Bad Krozingen (am 29. Oktober 1940) sowie Wilhelm Reinbold (am 16. November 1940), an die Villa und die sie umgebenden Grundstücke zu kommen sowie die ehemalige Wohnung der Feists im ersten Obergeschoss zugeteilt zu bekommen. Entsprechende Schreiben gehen an die Stelle »Abteilung Jüdisches Vermögen« der Polizeidirektion Freiburg unter Polizeirat Josef Lögler.  Wilhelm Zimber erwirbt die Villa und zieht in die Wohnung der Feists ein – er hat offenbar die besseren Beziehungen nach Karlsruhe; Reinbold muss sich mit zwei der vier Grundstücken begnügen.

Da die elfte Verordnung zum Reichsbürgerrecht besagt, dass »ein Jude, der seinen Wohnsitz im Ausland hat« (beispielsweise deportiert wird), die deutsche Staatsangehörigkeit verliert und sein Vermögen »mit dem Verlust der Staatsangehörigkeit dem Reich verfällt«, wird das Deutsche Reich, nicht Zimber, als Eigentümer eingetragen. Die Wohnungseinrichtung wird nicht versteigert, sondern am 8. Dezember 1940 en bloc von Gerichtsvollzieher Wilhelm Fischer für 8.391 Reichsmark an Wilhelm Zimber verkauft. Der größte Teil der Einrichtung verschwindet spurlos – noch die Erbin der Feists kämpft um Ersatz. Wilhelm Zimber behauptet, dass Mitglieder der französischen Streitkräfte Mobiliar und Hausrat entwendet hätten. 

1946–1948 Im Rahmen der Entnazifizierung erst als Nutznießer eingestuft, mutieren die »Arisierer« Wilhelm Zimber und Wilhelm Reinbold zu sogenannten Mitläufern. 

Text von Sabine Herrle