Wir trauern um Prof. Dr. Peter Gülke
Mit großer Anteilnahme nimmt die Hochschule für Musik Freiburg Abschied von Prof. Dr. Peter Gülke, der am letzten Sonntag im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Mit ihm verliert die Musikwelt eine umfassende Künstlerpersönlichkeit: Er war Dirigent, Musikwissenschaftler und eleganter Essayist – und an unserer Hochschule ein hochgeschätzter Kollege. In seinem facetten- und abwechslungsreichen Leben hatte Peter Gülke nur ein einziges Mal eine künstlerische Professur an einer renommierten Ausbildungsinstitution inne: Von 1997 bis 2000 war er als Professor für Orchesterleitung an der Hochschule für Musik Freiburg tätig, als Nachfolger des kürzlich ebenfalls verstorbenen Peter Baberkoff. In der vergleichsweise kurzen Zeit seiner Tätigkeit an unserem Haus hinterließ Peter Gülke bei allen, die ihn erleben durften, einen nachhaltigen Eindruck.
1934 in Weimar geboren, studierte Peter Gülke Dirigieren, Musikwissenschaft und Germanistik in Weimar, Jena und Leipzig. Von Beginn an verfolgte er konsequent seine außergewöhnliche Doppelbegabung als praktizierender Musiker und als wissenschaftlicher sowie essayistischer Schriftsteller. Als Dirigent wirkte er, der schon früh weithin Bekannte, lange in der klassischen deutschen Position des Kapellmeisters, als Generalmusikdirektor unter anderem in Weimar sowie ein Jahrzehnt lang – von 1986 bis 1996 – in Wuppertal.
Peter Gülke zog es früh zu den Besten. Sein Metier hat er immer im Umfeld renommierter Wissenschaftler und Künstler gelernt: Bei Heinrich Besseler promovierte er in Leipzig, als Kapellmeister der Dresdner Staatsoper assistierte er Carlos Kleiber bei dessen legendärer Tristan-Einspielung für die Deutsche Grammophon. Im Gespräch gewann man leicht den Eindruck, er sei überall gewesen und habe jeden gekannt. Und es schien, als ob er nichts je vergäße.
Parallel zu seiner dirigentischen Laufbahn entwickelte Peter Gülke eine außergewöhnliche wissenschaftliche Tätigkeit. Das Handwerk des Musikwissenschaftlers erlernte er – analog zum Kapellmeisterhandwerk – von Grund auf – und sein Anspruch ging aufs Ganze. Als Schüler Heinrich Besselers war er ein Kenner des Mittelalters, aber ebenso ein kenntnisreicher Aficionado der deutschen Klassik und Romantik. Eines seiner bekanntesten Bücher, »Mönche, Bürger, Minnesänger: Die Musik in der Welt des Mittelalters«, verbindet Besselerschen Geist und kenntnisreiche Weite mit erzählerischer Eleganz. Es entstand – quasi en passant – während seiner Tätigkeit als musikalischer Oberleiter am Theater Stralsund. Eine ganz besondere Liebe galt Frankreich, dessen Sprache – so sagte er mir einmal – für ihn, den Ostdeutschen, immer den Klang der Freiheit in sich trüge. Überhaupt war alles, was er tat und sagte, immer auf eine spezifische Art und Weise »tief«: Selbst scheinbar banale Briefe, etwa zu Fragen der Ausstattung oder Organisation, die sich im Archiv unserer Hochschule erhalten haben, sind kunstvoll formuliert und von jener feinen Ironie durchzogen, die ihn auszeichnete. Und so wunderbar, wie er schrieb, konnte er auch frei reden. Seine frei gehaltenen Vorlesungen zu den späten Mozartsinfonien waren für uns alle, die ihm damals zuhörten, unvergessliche Erlebnisse. Überhaupt: Wenn Peter Gülke auf junge Menschen stieß, die ihn interessierten und ihn herausforderten, war er im Umgang von vollendeter Generosität.
Seine Zeit an der Hochschule für Musik Freiburg, die von künstlerischer Erfüllung aber auch enttäuschten Erwartungen geprägt war, war nur eine Episode im reichen und abwechslungsreichen Leben des vielfach Geehrten und Ausgezeichneten. Aber Freiburg war ihm doch auch ein Sehnsuchtsort: Die künstlerische Professur als Zielpunkt eines erfüllten Berufslebens war für ihn, wie er schrieb, »eine sehr bewußt getroffene Lebensentscheidung«. Seiner Hochschule, blieb er auch nach seiner Emeritierung verbunden, besonders durch den ununtebrochenen Kontakt zur Zeitschrift »Musik & Ästhetik«, die während seiner Zeit in Freiburg von Studierenden und Lehrenden unserer Hochschule gegründet wurde und an der er von Anfang an großen Anteil genommen hat.
Mit Peter Gülke verlieren wir einen herausragenden Musiker, einen bedeutenden Intellektuellen und einen wunderbaren Menschen und Kollegen. Die Hochschule für Musik Freiburg wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
