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Der große Geiger und Lehrer

Zum Tod von Rainer Kussmaul - von Dr. Rüdiger Nolte, Rektor der Hochschule für Musik Freiburg.

Es gibt Wörter, die in Gefahr sind, abgenutzt zu werden – die für Rainer Kussmaul jedoch passen, denn er hat sie mit Bedeutung und mit Leben gefüllt.
Der Begriff der Exzellenz z.B.
Rainer Kussmaul vertrat einen außergewöhnlich hohen Anspruch. Jahrelange Erfahrung wie auch ein geradezu unglaubliches Gedächtnis ließen ihn zu einem der besten Kenner der Geigenwelt werden. Hatte man das Glück, ihn bei Berufungsverfahren dabei zu haben, dann war das ein großer Gewinn. Denn er kannte wirklich alle Bewerber, zumindest alle die, die qualitativ in Betracht kamen. Zudem war sein Urteilsvermögen so sicher und so schnell, dass er sich schon nach kurzer Zeit des Vorspiels gerne auf die ihm eigene Art innerhalb der Kommission umsah, mit Verweis auf seine Armbanduhr und mit stummer Aufforderung, dass die Zeit des Vorspiels doch bald wohl abgelaufen sei. Dabei verzog sich sein Gesicht zu jenem verschmitzten Lächeln, das ihn so liebenswert machte, mit dem er seinen Sinn für Witz wie auch seine schnelle Auffassungsgabe bewies. Denn niemals war zu erleben, dass er sich mit seinem Urteil einmal geirrt hätte.
Es ist wohl keineswegs banal zu sagen, dass Rainer Kussmauls Welt die Welt des Geigenspiels war. Neben seiner international erfolgreichen Karriere als Geiger, nicht nur als Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, sondern auch als herausragender Kammermusiker, neben seiner unglaublichen Kennerschaft der internationalen Szene ist damit natürlich sein Unterricht gemeint. Über Jahrzehnte war seine Klasse eine der exzellentesten international. Die Erfolgsbilanz seiner Schüler ist legendär. Ein Studium bei ihm bot die Garantie, später zu Orchestervorspielen eingeladen zu werden bzw. eine Stelle zu bekommen. So gibt es wohl kaum ein bedeutendes Orchester, in dem nicht Studierende von Rainer Kussmaul spielen.
Zu den Besonderheiten seiner Lehre gehörte auch, dass er als Professor keine Imitationen seines eigenen - wunderbaren - Spiels einforderte, sondern seine Schülerinnen und Schüler sich künstlerisch selbständig entwickeln ließ. Ob Petra Müllejans oder Gottfried von der Goltz, ob Daishin Kashimoto oder Jermulai Albiker, allein diese vier Musiker zeigen die unglaubliche Amplitude dessen, was er künstlerisch zuließ. Qualität war es am Ende allemal.
Zur Welt seines Geigenspiels gehörte auch die Welt der Hochschule als Institution. Sei es als Hochschulratsmitglied oder Mitglied in anderen Gremien.
Oder sei es der Rainer Kussmaul, den man so oft in der Halle der Hochschule erleben konnte. Eine der vielen Lücken, die er hinterlässt, ist diese nun nicht mehr mögliche Anwesenheit. Unsere Studierenden leben ihr oft quirliges Leben in der Halle unserer Hochschule – und mitten unter ihnen saß Rainer Kussmaul häufig irgendwo auf einem der Sofas, still, zurückhaltend, scheinbar nach innen gekehrt, aber höchst präsent.
Auf sehr bescheidene Weise verstand er es, seinen hohen Anspruch zu leben, er war vollkommen unarrogant, konnte aber sehr wohl klarstellen, von welcher Qualität sein Niveau war. Das eben machte seine Exzellenz erfahrbar. Und diese Exzellenz hat immer wieder zutiefst beeindruckt.
Mit höchstem Respekt vor dem großen Künstler, Lehrer und Menschen Rainer Kussmaul verbeugen wir uns mit Trauer und mit Dank, dass die Freiburger Musikhochschule diesen besonderen Menschen erleben durfte.

Dr. Rüdiger Nolte
Rektor
Hochschule für Musik Freiburg

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