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Lösung für weltweites Chorproblem: Freiburger Professor schreibt bekannte Chorwerke auf weniger Stimmen um

Erste 26 Bände der Reihe „SAM-Klang“ sind erhältlich

Chöre mit klassischem Repertoire haben oft das gleiche Problem: Ihnen fehlen Männerstimmen, vor allem Tenöre. In Kleinstädten oder ländlichen Gegenden kann das dazu führen, dass sie sich auflösen müssen. Morten Schuldt-Jensen, Professor für Chorleitung an der Hochschule für Musik Freiburg, hat dafür eine Lösung entwickelt: Im Auftrag eines großen Verlags schreibt er 1.000 Chorsätze auf drei Stimmen um. Die ersten 26 von 200 geplanten Bänden der Reihe „SAM-Klang“ sind jetzt erhältlich.

Gründe dafür, dass klassischen Chören Tenöre fehlen, gebe es mehrere, erklärt Morten Schuldt-Jensen: Grundsätzlich würden Menschen und mit ihnen die Stimmbänder immer größer, wodurch sie eher tiefere Stimmen bekämen. Zudem würde in der Schule weniger gesungen als noch vor einigen Jahrzehnten, was die stimmliche Entwicklung, aber auch das Interesse für Chor und klassische Musik, beeinträchtige. Auch büßten Stimmorgane im Alter aus natürlichen Gründen ihre Spannung ein, was es für Männer immer schwieriger mache, hohe Töne zu singen. Und die Stimmen männlicher Sänger bildeten sich erst mit Anfang 20 voll aus, weswegen sie nicht als Tenor ausgebildet werden sollten, bevor diese Entwicklung abgeschlossen sei. All dies reduziere die Anzahl der Tenöre in Laienchören, die dadurch einen großen Teil ihres Standard-Repertoires verlieren könnten.

Das fiel Morten Schuldt-Jensen erstmals vor etwa zehn Jahren auf: „Ich sagte meinen Studierenden: ‚Singt es so wie bei Mendelssohn.‘ und blickte in ratlose Gesichter. Ich fragte: ‚Das kennt Ihr doch vom Schulchor?‘ Sie antworteten: ‚Nein, wir hatten kaum Tenöre und haben deshalb vorrangig Pop gesungen‘.“ Seitdem begann der Chorprofessor, dafür eine Lösung zu entwickeln: Er schreibt vier- bis sechs- oder siebenstimmige Chorsätze auf drei Stimmen um: Sopran, Alt und Männer – daher der Titel der Reihe „SAM-Klang“. Dadurch können die Chorsätze mit einer kombinierten Männerstimme gesungen werden. „Das ist für viele verständlicherweise ein Sakrileg und es ist auch nicht für jedes Stück möglich oder sinnvoll. Aber oft kann man auf ‚Füllstimmen‘ verzichten – die Konzertbesucherinnen und -besucher bemerken das meist gar nicht, insbesondere wenn die anderen charakteristischen Züge des Werks erhalten bleiben.“

Chorleiter haben „Kulturgold in den Händen“

Als großer Freund der deutschen Kultur sei es für ihn eine schreckliche Vorstellung gewesen, dass wichtige klassische Werke irgendwann nicht mehr gesungen werden könnten, schildert Morten Schuldt-Jensen: „Es ist ja nicht nur die Musik, sondern auch ein literarisches Gut von hochintelligenten Menschen und die Emotionen und Gedanken, die diese Texte bei den Komponisten und später auch bei den Ausführenden und dem Publikum ausgelöst haben. Da hat man als Chorleiter sozusagen Kulturgold in den Händen.“ Um das zu bewahren, hat Morten Schuldt-Jensen bereits im Jahr 2011 damit experimentiert, Chorsätze für drei Stimmen umzuschreiben. Viele Proben und Auftritte vor Publikum hätten gezeigt, dass das trotz der reduzierten Stimmenanzahl gut funktioniere. „Das liegt unter anderem daran, dass ein normales Gehirn – selbst wenn man darin geübt ist – höchstens drei verschiedenen Musik- oder Gesangslinien gleichzeitig aktiv folgen kann“, erklärt der Chorprofessor. „Kommt eine vierte Linie hinzu, reduziert unser Gehirn zwei dieser vier Linien zu einem Klang, sodass man wieder nur drei Ereignisse wirklich verfolgt.“ Mit ein bisschen Geschick ließe sich so eine ausreichende Klangfülle „vortäuschen“. Als er sein Projekt im Jahr 2017 einem Verlag vorstellte, seien die dortigen Redakteure von der Idee und den Perspektiven überzeugt gewesen – inzwischen umfasst der Auftrag für Schuldt-Jensen ein Repertoire von 1.000 Stücken, von denen er etwa die Hälfte bereits umgesetzt hat. Sie sollen in den nächsten etwa acht bis neun Jahren in 200 Bänden in Europa und in den USA auf den Markt gebracht werden.

Lieder von Brahms und Mendelssohn, Haydns „Schöpfung“ und Mozarts Requiem

In den ersten Bänden, die von „Hal Leonard Europe“ (Teil des Notenverlags und -vertriebs „Hal Leonard“) auf den Markt gebracht werden, gibt es unter anderem gern gesungene britische Hymnen, Motetten des französischen Komponisten Maurice Duruflé und mehrere Bände mit Chorliedern von Felix Mendelssohn Bartholdy und seiner Schwester Fanny Hensel. Erhältlich sind zudem deutsche und englische Weihnachtslieder sowie mehrere Bände mit Werken von Johannes Brahms und Chorsinfonik, etwa Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, Wolfgang Amadeus Mozart und Gabriel Faurés Requien sowie das „Schicksalslied“ von Johannes Brahms. Viele weitere Werke sind in Vorbereitung.

„Dadurch steht den Leitern von SAM-Chören weltweit ein sehr breites Repertoire zur Verfügung, das für viele Jahre Chorarbeit gut ausreichen sollte“, so Morten Schuldt-Jensen. Und die neue Reihe hätten einen weiteren Vorteil, erklärt er: Darin würden dreistimmige Sätze nochmals in einem Klaviersystem zusammengezogen. Dadurch könnten Chorleiter schnell und einfach überblicken, ob das Stück für ihre Sänger geeignet sei, und auch die Vorbereitung der Sänger werde erheblich erleichtert.

„Wenn es möglich ist, sollte man die Werke selbstverständlich immer in der originalen Besetzung singen – aber falls nicht, gibt es jetzt diese Reihe. Ich bin sehr gespannt, wie die Musikwelt sie aufnehmen wird“, sagt der Chorprofessor.

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Kontakt

Ben Klaußner

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

b.klaussner(at)mh-freiburg(dot)de

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