»Ein ungemein bereicherndes Projekt«
Sie haben im April die Zauberflöte in Shanghai mit Studierenden des »Shanghai Conservatory of Music« inszeniert. Wie kam es dazu?
Seit zwei Jahren besteht die Partnerschaft der Hochschule für Musik Freiburg mit dem »Shanghai Conservatory of Music«, in deren Rahmen es auch schon einen Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden gegeben hat. Die Idee, mit unserem Institut für Musiktheater und der Gesangsabteilung gemeinsam zu arbeiten und auch in einen Austausch zu gehen, stand seither im Raum. Dann ging es plötzlich sehr schnell. Mitte Januar leitete Rektor Ludwig Holtmeier die Anfrage an mich weiter, ob ich mir vorstellen könnte, kurzfristig im April die Zauberflöte im Rahmen des Shanghai Spring Festivals mit Studierenden des Konservatoriums auf die Bühne zu bringen. Mein erster Gedanke war: Das ist unmöglich. So ein Projekt braucht normalerweise ein Jahr Vorlauf. Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht wollte ich dann aber doch ausloten, ob wir das nicht hinbekommen könnten.
Was hat Sie dazu bewogen, das Projekt letztlich anzugehen?
Zunächst habe ich die Anfrage als großen Vertrauensbeweis verstanden. Man hat uns offenbar zugetraut, dass wir das schaffen. Und dann gab es eine Reihe glücklicher Zufälle. Sowohl der Bühnenbildner Fabian Lüdicke als auch die Kostümbildnerin Yvonne Forster hatten im Projektzeitraum freie Kapazitäten und waren neugierig auf die Erfahrung, an einem der renommiertesten Konservatorien Chinas zu arbeiten. Außerdem sagte Marius Stieghorst zu, der das Stück aus dem Effeff kennt. So begann sich ein Team zu formen.
Wie haben sie das Projekt von Freiburg aus vorbereitet?
Unser Bühnenbildner hat in den Wochen vor der Abreise nächtelang mit einem Übersetzer und den Werkstätten in Shanghai in Videokonferenzen die Pläne für das Bühnenbild bis ins Detail abgestimmt. Ähnlich lief es bei den Kostümkonferenzen mit Yvonne Forster, die sich zu diesem Zeitpunkt auf Hawaii befand – entsprechend mussten unterschiedlichste Zeitzonen koordiniert werden. Außerdem wurde uns zugesichert, dass wir tatsächlich drei Wochen lang auf einer Probebühne arbeiten konnten, um mit den Studierenden annähernd unter Originalbedingungen in einem markierten Bühnenbild zu proben. Angesichts der sehr kurzen Bühnenprobenzeit war das für uns quasi conditio sine qua non.
Welche Bedingungen haben Sie in Shanghai vorgefunden – was hat Sie überrascht?
Wir waren beeindruckt von der Ausstattung des »Shanghai Conservatory of Music«, das mit dem »Shangyin Opera House« über ein eigenes Theater mit 1200 Sitzplätzen und modernster technischer Ausstattung verfügt – direkt auf dem Campus in bester Lage. Trotz aller Schwierigkeiten, etwa bei Zeitplänen oder Sicherheitsvorschriften, haben wir insgesamt hervorragende Bedingungen vorgefunden, um dort zu arbeiten. Das Bühnenbild wurde in kürzester Zeit aufwendig gebaut, es gab Kostüme für zwei Besetzungen, eine umfangreiche Beleuchtungsanlage wurde angemietet – letztlich haben alle unter enormem Druck gearbeitet, um diese Produktion möglich zu machen. Geprobt wurde von Mitte März bis Anfang April auf der Probebühne, ab dem 4. April dann auf der großen Bühne, und am 9. April war bereits Premiere. Für europäische Bühnenmenschen sprengt das jede Zeitvorstellung, aber es hat verblüffend gut funktioniert. Etwas gewöhnungsbedürftig war für mich zunächst, dass die Proben permanent mit Kameras aufgezeichnet wurden und ständig ein Kamerateam anwesend war. Gleichzeitig habe ich erlebt, welchen Vorteil diese Form der Dokumentation für die Probenarbeit haben kann. Die Studierenden erhielten jeden Abend einen Videolink, mit dem sie die Szenen nacharbeiten konnten. So konnten wir in der nächsten Probe genau dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten.
Wie haben Sie die Studierenden des Konservatoriums in der Probenarbeit erlebt?
Für alle Beteiligten war es ein großes Abenteuer, die Zauberflöte in Shanghai auf die Bühne zu bringen. Wir kannten die Sängerinnen und Sänger zunächst nicht, aber die Exposés, um die wir gebeten hatten, machten uns neugierig auf die Begegnung mit jungen Menschen aus ganz China – viele mit beeindruckenden und berührenden Biografien. Was wir dann in den Proben erlebt haben, war nicht nur ein sehr hohes Niveau, sondern auch eine große Offenheit und Freude daran, sich mit uns und unseren Arbeitsweisen auseinanderzusetzen. Die Studierenden stellten viele Fragen. Vor allem aber nahmen sie die Herausforderung an, sich von Vertrautem zu lösen und zu eigenständigen Interpretationen zu finden. In dieser intensiven Probenarbeit entstanden spannende Diskussionen über den gesamten Proben- und Aufführungsprozess, aber auch über unterschiedliche kulturelle Lesarten, mit denen ich im Vorfeld nicht gerechnet hätte. Es war ein Geben und Nehmen im besten Sinne. Wenn es auch sehr intensiv und anstrengend war, war es doch für uns alle ein ungemein bereicherndes Projekt
Wie wurde die Zauberflöte vom Publikum aufgenommen?
Bei Produktionen in Asien ist es üblich, einzelne herausragende Rollen für Galaaufführungen mit kurzfristig eingeflogenen westlichen Sängerinnen und Sängern zu besetzen. Für mich waren jedoch die zweite und dritte Aufführung die eigentlichen Höhepunkte, weil dort ausschließlich die Studierenden des Konservatoriums auf der Bühne standen. Ihnen galt unser Hauptaugenmerk. Und das war absolut stimmig: Sie hatten einen intensiven gemeinsamen Probenprozess durchlaufen, spielten und musizierten miteinander – und das hat man gespürt. Sie strahlten und leuchteten. Die Zauberflöte war letztlich in allen vier Aufführungen ein großer und umjubelter Erfolg. Es gab eine sehr gute Presse, und die Vorstellungen waren gut besucht. Besonders gefreut hat mich, wie viele begeistert strahlende Kinder im Publikum saßen – ich hoffe, wir konnten sie ein wenig mit dem Opernvirus anstecken.
Wie geht es nun weiter – ist bereits eine nächste Reise nach China in Planung?
Die Idee ist zunächst, die Zauberflöte am »Shanghai Conservatory of Music« curricular im Lehrplan zu verankern. Seitens der Hochschule für Musik Freiburg möchten wir die Kooperation auch langfristig stärken und den Austausch auf Studierendenebene intensivieren. Es wäre doch schön, wenn deutsche und chinesische Studierende künftig gemeinsam auf Zauberflöten-Reise gehen könnten – in China und hoffentlich auch hier.










