Offene Türen, offene Ohren
Donnerstagabend, 19 Uhr, Raum 137 der Hochschule für Musik Freiburg. Was sich hier wöchentlich ereignet, lässt sich schwer in Worte fassen – es muss erlebt werden. Community Percussion nennt sich das Projekt, das der Schlagzeuger und Pädagoge Nicholas Reed ins Leben gerufen hat. Doch diese Bezeichnung wird dem Phänomen kaum gerecht. Es ist vielmehr ein vibrierendes Klanglabor, ein Ort, an dem sich die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden, zwischen Jung und Alt sowie zwischen Können und Nicht-Können auflösen.
»Es spielt keine Rolle, wie alt man ist, woher man kommt oder ob man jemals ein Instrument gespielt hat«, sagt Reed, und man spürt, dass er diese Worte nicht nur sagt, sondern lebt. In dem Klanglabor – bestückt mit Trommeln aller Art, Rasseln, Glocken und Instrumenten, deren Namen man erst lernt, wenn man sie in der Hand hält – geschieht etwas Bemerkenswertes: Menschen entdecken sich neu.
Besonders faszinierend ist dabei die Altersstruktur der Gruppe. Viele Teilnehmende haben die Fünfzig überschritten, jenes Alter, in dem man gemeinhin annimmt, die großen Experimente lägen hinter einem. Doch wer »Community Percussion« erlebt, wird Zeuge des Gegenteils. Hier greifen Menschen, die vielleicht seit Jahrzehnten kein Instrument mehr berührt haben, beherzt zur Djembe oder zum Cajón. Sie lassen sich auf das Unbekannte, auf den Moment und auf den Rhythmus ein, der plötzlich durch ihre Hände fließt. Und neben ihnen? Musikstudierende, erfahrene Percussionisten und absolute Anfänger – ein buntes Mosaik aus Lebensgeschichten, vereint im gemeinsamen Puls.
Was mich persönlich an dieser Erfahrung am meisten überrascht hat, war die Konfrontation mit meinen eigenen Kontrollmechanismen. Als Bühnenmusikerin bin ich es gewohnt, dass jeder Ton seinen Platz hat, dass Timing alles ist und Perfektion das Ziel darstellt. Als ich im Wintersemester im Rahmen meiner Abschlusslehrprobe als EMP-Master-Studentin selbst Unterrichtseinheiten bei »Community Percussion« gestalten durfte, spürte ich zunächst den mir vertrauten Drang, alles zu strukturieren, zu kontrollieren und abzusichern. Ein »gutes« Ergebnis musste her – was auch immer das bedeuten mochte. Doch dann stieß ich auf einen Gedanken von Susan Conkling, der mich innehalten ließ. Was, wenn wir Gewissheit ablehnen und stattdessen Raum für Handlungsmöglichkeiten offenhalten (»rejecting certainty and holding open the possibilities for agency.« )? Diese Idee wurde zum Wendepunkt. Ich begann, den Unterricht nicht als zu steuerndes Schiff, sondern als offenes Feld zu begreifen.
Plötzlich wurden Alltagsgegenstände zu Instrumenten: Ein Schlüsselbund wurde zum Shaker und eine Plastikflasche zur Trommel. Fehler verwandelten sich von peinlichen Momenten in Einladungen zum Experimentieren. »Was passiert, wenn wir es anders machen?« wurde zur Leitfrage – nicht »Wie machen wir es richtig?« Diese Transformation war keine theoretische Übung, sondern körperlich spürbar. Die Schultern entspannten sich, der Atem floss freier, und mit dieser physischen Öffnung kam auch eine mentale: Die Teilnehmenden begannen, eigene Fragen zu stellen, Vorschläge zu machen, sich gegenseitig zu inspirieren. Es entstand ein kreativer Dialog, bei dem nicht ich als Leiterin die Richtung vorgab, sondern die Gruppe selbst ihren Weg fand. Der Prozess wurde wichtiger als das Produkt, die Reise bedeutsamer als das Ziel.
»Community Percussion« lehrt uns etwas Fundamentales über Musik – und vielleicht sogar über das Leben selbst: Musik ist keine Frage der Technik, sondern des Zuhörens. Kreativität ist kein Privileg der Jugend, sondern eine Lebenshaltung, die in jedem Alter kultiviert werden kann. Und dass die schönsten musikalischen Momente oft dann entstehen, wenn wir aufhören zu planen und einfach anfangen zu spielen. Diese Offenheit anzunehmen, war, als würde ich ein Fenster öffnen, von dessen Existenz ich nichts wusste. Spontaneität, Kreativität und sogar Momente der Kontemplation bekamen plötzlich ihren rechtmäßigen Platz in meinem Unterrichtsplan – nicht als Lückenfüller, sondern als tragende Säulen. Bei Community Percussion wurde mir klar, dass Lernen nicht trotz, sondern gerade durch diese Offenheit geschieht. Wenn wir aufhören, den Weg vorzuzeichnen, entstehen Pfade, die niemand von uns allein hätte finden können.
Am meisten überraschte mich, was sich in diesen gemeinsamen Momenten des Spielens und Erkundens entfaltete: Es war nicht nur die neu gewonnene Spontaneität und Ausdruckskraft der Gruppe, sondern auch die Erkenntnis, dass ich als Lehrende eine Freiheit ermöglichen kann, deren Existenz mir selbst verborgen war. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion von »Community Percussion«: dass wir manchmal erst im Geben entdecken, was wir zu geben haben.
Von Lindsay Cheng-Schulz
