June

Body Shaker im Inneraum eines Flügels

Das Kick-Off zu JUNE ist gleichzeitig das Abschlusskonzert »S_4_S (Song for Silence)« von Lorenz Rommelspacher im Rahmen der künstlerisch-wissenschaftlichen Promotion »Performing Space – Shaping Experience: Multimediale Strategien, Publikumserfahrungen und neue Zugänge in der experimentellen elektronischen Musik« am Collège Glarean. Die Prüfung der künstlerischen Leistung findet im Foyer vor dem Kammermusiksaal statt. 


Ausgangspunkt von S_4_S ist die Feststellung, dass absolute Stille nicht existiert. Stille wird hier als »absence of definite action« verstanden: als Zustand, der entsteht, wenn Klänge nicht aktiv hervorgebracht werden, Aufmerksamkeit jedoch bestehen bleibt.

Philosophisch und epistemisch knüpft das Werk an Überlegungen von John Cage und Pauline Oliveros an, verschiebt deren Fragestellungen jedoch in eine eigene kompositorische Praxis.

S_4_S ist vollständig komponiert und folgt einem klaren dramaturgischen Spannungsbogen. Das kompositorische Gerüst definiert zeitliche Abläufe, Zustände des Hörens sowie Übergänge zwischen Verdichtung und Reduktion. Gleichzeitig bleibt das klangliche Resultat offen: Das musikalische Material entsteht ausschließlich aus live gesampleten und elektronisch transformierten Geräuschen, die während der Aufführung entstehen.

Das Publikum und der Aufführungsraum werden dadurch zu zentralen Klangquellen. Geräusche der Anwesenden, atmosphärische Klänge von außen sowie zufällige akustische Ereignisse werden in Echtzeit aufgegriffen, verarbeitet und in die musikalische Struktur integriert. Jede Aufführung produziert so ihr eigenes, unwiederholbares Klangresultat.

S_4_S versteht Komposition damit als Gestaltung von Bedingungen: Nicht einzelne Klänge sind festgelegt, sondern die Situation, in der Hören selbst zur musikalischen Handlung wird und sich das Verhältnis zwischen Stille, Geräusch und Musik kontinuierlich neu formiert.

Lorenz Rommelspacher

Lorenz Rommelspacher lebt und arbeitet in Köln als Performer-Composer, Medienkünstler und Kulturwissenschaftler. Er studierte Gesang an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf sowie Live Electronics und Creative Performance am Conservatorium van Amsterdam.

Seine multimedialen Arbeiten bewegen sich zwischen Installation, Performance und Konzert. Im Zentrum steht nicht das Werk als abgeschlossenes Objekt, sondern das künstlerische Ereignis selbst: situative Erfahrungsräume, die sich zwischen Klang, Körper und Umgebung entfalten. Rommelspacher interessiert, wie Atmosphären entstehen, wie Räume Wahrnehmung prägen und wie Kunst Zugänge jenseits rein kognitiver Kategorien eröffnen kann. Seine Arbeiten finden meist nicht in klassischen Kunstorten wie Konzertsälen oder Museen statt, sondern in Räumen, die ihre eigenen, unausgesprochenen Geschichten tragen – funktionale oder transitorische Orte wie Foyers, Treppenhäuser, Bunker, Bergwerke oder Kirchen.

Neben seiner künstlerischen Praxis ist er Gründer und Leiter von guterstoff, einem Festival für experimentelle Musik und Performance in Köln, und engagiert sich in verschiedenen Interessenvertretungen der Freien Kunstszene. Im Rahmen seines künstlerisch-wissenschaftlichen Promotionsprojekts in Komposition und Musikwissenschaft am Collège Glarean und der Hochschule für Musik Freiburg untersucht er Kategorien der Wahrnehmung, Rezeption und Erfahrung in der experimentellen elektronischen Musik.

Programm

Lorenz Rommelspacher → S_4_S (Song for Silence) for accidental sounds, live electronics and spatialized sound